Ein Gespräch mit Orchesterdirektor Siegwald Bütow und Chefdirigent Roberto González-Monjas über zwei erfolgreiche Spielzeiten, gemeinsame Projekte und neue Pläne für die dritte Konzertsaison. Von hörbarer Hingabe, einem strategischen Mosaik und der besonderen Intelligenz des Mozarteumorchesters.
von Micky Kaltenstein
Sie gehen nun gemeinsam in die dritte Spielzeit, erinnern Sie sich noch an die Anfänge?
Siegwald Bütow: Ich wusste vom Orchester, dass es Roberto sehr schätzt. Schon in den Proben war erkennbar, dass er einen ganz besonderen Zugang zu Mozart hat und dass die Zusammenarbeit mit dem Orchester von der Chemie her fantastisch funktioniert.
Roberto González-Monjas: Mein allererster Kontakt mit dem Orchester war bereits 2019 bei einem Donnerstagskonzert in der Stiftung Mozarteum. Ich war damals sehr nervös – aber es war Liebe auf den ersten Ton! Ich habe gleich gespürt, dass wir gut zueinander passen. Seit der Saison 2024/25 darf ich nun als Chefdirigent wirken, es ist eine große Freude!
Es ist nicht mehr Honeymoon, sondern die große Liebe, die andauert. Der „Roberto-Effekt“ hält immer noch an.Siegwald Bütow
… und wie geht es Ihnen nach über zwei Jahren gemeinsamer Arbeit?
SB: Normalerweise ist es ja so: Erst gibt es die große Begeisterung im Orchester, dann gewinnt man jemanden als Chefdirigent und alle sind froh. Anfangs ist Honeymoon-Stimmung und dann fängt es langsam an zu bröckeln – aber davon ist hier gar nichts zu spüren. Es ist nicht mehr Honeymoon, sondern die große Liebe, die andauert. Der „Roberto-Effekt“ hält immer noch an. Die Zusammenarbeit mit ihm ist einfach großartig! Das Orchester ist glücklich mit seiner Arbeit und wir haben in dieser kurzen Zeit tolle Projekte umgesetzt. Auch bei internen Fragen, die in einem Orchester immer wieder vorkommen, bringt sich Roberto ein, wie ich es noch von keinem anderen Chefdirigenten erlebt habe. Es gibt einfach ein riesiges gegenseitiges Vertrauen zwischen dem Orchester und ihm, das ist eine ausgezeichnete Basis.
Wie denken Sie, Herr González-Monjas, über diese musikalische Beziehung?
RGM: Es ist ein Glücksfall, das Orchester und ich, wir haben uns einfach gefunden. Und es ist schön, wenn alles stimmt – die Kommunikationsebene, die musikalische und auch die soziale Ebene, es funktioniert einfach. Wir freuen uns jedes Mal, Projekte miteinander umzusetzen und ich glaube, wir haben verstanden, dass wir uns gegenseitig herausfordern können, dürfen und auch müssen. Während der Arbeit für die Zauberflöte habe ich zu den Musiker:innen gesagt: „Es ist so ein Glück, zusammen zu musizieren und es ist ein wahrer Luxus, mit euch diese Musik zu machen!“
Herr Bütow, woran liegt diese Übereinstimmung Ihrer Meinung nach, was macht Roberto González-Monjas richtig?
SB: Wenn er im Haus ist, ist er zu 100 Prozent da. Roberto ist eine absolut integre Person. Jeder weiß, was er sagt, gilt. Er ist direkt und geradeheraus. So ehrlich, wie er musiziert, geht er auch mit anderen um. Dadurch, dass er so lange in unterschiedlichen Positionen in Orchestern gearbeitet hat, kennt er die Psychologie sehr gut und weiß, was ein Orchester braucht. Von Anfang an gab es vollste Zustimmung für ihn unter den Musiker:innen. Wenn Roberto hier ist, schaue ich nur in glückliche Gesichter. Ich habe den Eindruck, Roberto kommt, und die Welt ist eine bessere …
Es ist so ein Glück, zusammen zu musizieren und es ist ein wahrer Luxus, mit euch diese Musik zu machen!Roberto González-Monjas
Herr González-Monjas, die Musiker:innen lieben Sie und das Publikum ist begeistert – was machen Sie anders als andere?
RGM: Das weiß ich nicht. Ich kann nur sagen, was ich mache: Ich brenne für Musik. Für mich ist Musik das Wichtigste. Und ich versuche ein Beispiel zu sein an Hingabe, Vorbereitung, Begeisterung und Freude. Ich bin davon überzeugt, wenn Musik qualitativ gut gespielt wird, spürt es das Publikum.
… und was schätzen Sie am Mozarteumorchester?
RGM: Die musikalische Intelligenz ist für mich besonders reizvoll. Das ist ein Orchester, das alles versteht, mit dem ich eine sehr hochkarätige Musiksprache sprechen darf. Es ist ein Orchester, das extrem flexibel ist, aber man muss eine klare Vision mitbringen. Das bedeutet, das Orchester verlangt auch vieles von einem Dirigenten und das ist eine super Herausforderung. Ich finde, das Mozarteumorchester ist ein freudiges und positives Orchester mit enormer Erfahrung. Es spielt nicht nur mehr Mozart als alle anderen Orchester, sondern auch Oper von Wagner bis Händel, Matineen, Musicals, Konzerte – ob im Orchestergraben oder auf der Bühne.
Welchen Klang suchen Sie als Dirigent?
RGM: Einen sehr flexiblen, ich glaube, jedes Orchester hat einen eigenen Klang. Im Mozarteumorchester finde ich besonders schön, dass wir viele Klänge haben. Wir führen den Pariser Mozart nicht wie den Mannheimer Mozart auf, wir können auch Bruckner, Mahler und die Wiener Schule mit ihren eigenen Klängen sowie Lutoslawski und Strawinsky. Diese Vielfalt finde ich wichtig.
Wie ist es zur Aufnahme der gesamten Violinkonzerte Mozarts gekommen?
RGM: Noch bevor ich Chefdirigent wurde, sind Siegwald und ich von einem Konzert, bei dem ich als Sologeiger aufgetreten bin, aus Innsbruck zurückgefahren. Damals im Bus hat er diese für mich so wichtigen Worte gesagt: „Ich könnte mir gut vorstellen, alle Violinkonzerte von Mozart mit dir und dem Orchester aufzunehmen.“ Das war für mich natürlich ein Traum! Aber dann kam der Druck und ich habe ihn gebeten, noch drei Jahre zu warten. Angefangen mit den Vorbereitungen habe ich aber sofort. Ich habe viel recherchiert und es hat sich gelohnt, so viel Zeit zu investieren. Jetzt bin ich wirklich stolz, dass wir uns diese Zeit gegeben haben, und ich glaube, das Resultat spricht für sich. Es ist eine sehr informierte und lebendige Aufnahme geworden.
Wie war das für Sie als Impulsgeber, Herr Bütow?
SB: Ich hatte von diesem Konzert in Innsbruck einen unglaublich positiven Eindruck und die spontane Idee der Aufnahme ist bei Roberto sofort auf fruchtbaren Boden gefallen. Danach hat sich gezeigt, ob es nur bei der Idee bleibt, oder es wirklich zur Umsetzung kommt. Für uns ist das ja eine hohe Investition: So eine CD-Produktion kostet viel Geld und dabei geht man in Vorleistung. Die Zusammenarbeit hat fantastisch funktioniert, Roberto und ich ticken ähnlich und gehen die Dinge mit einer gemeinsamen Strategie an.
Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
SB: Diese Doppel-CD ist ein voller Erfolg!
RGM: Ich bin sehr zufrieden. Ich wollte diese Konzerte in einem anderen Licht zeigen: eloquent und voller Charakter. Diese Stücke waren auch Experimente für Mozart. Er war viele Jahre auf Reisen und kam wieder nach Salzburg zurück – danach wollte er mit dieser konzertanten Gattung eine Art Visitenkarte präsentieren. Er zeigt in diesen Violinkonzerten manches, was er später auch in der Zauberflöte verwendet.
Haben Sie ein Beispiel für uns?
RGM: Ja, zum Beispiel im Vierten Violinkonzert, im letzten Satz: Hier verbindet Mozart galante Musik mit rustikaler Musik. Etwas, das eigentlich nicht zusammengeht, es ist fast ein Oxymoron. Doch diesen Trick macht er mit Papageno ständig: "Ein Mädchen oder Weibchen" ist galante Musik, kurz darauf folgt wieder rustikale Musik. Es ist schön zu sehen, dass er diesem Modell ein Leben lang gefolgt ist. Er hatte also mit diesen Violinkonzerten eine Art Labor erschaffen, um Neues zu probieren und zu kombinieren. All das wollte ich mit der Aufnahme zeigen.
Was ist für Sie, Herr Bütow, das Besondere an Roberto González-Monjas‘ Spielweise?
SB: Robertos Spiel ist immer persönlich, aber nie manieriert. Er weiß bei jedem Detail genau, was er macht, es ist alles durchdacht. Und zugleich hat er immer diese absolute Natürlichkeit, die Mozarts Musik braucht. Diese Mischung ist für mich das Besondere. Robertos Tun fußt auf fundiertem Wissen. Ich habe den Eindruck, das ist alles einmal durch ihn durchgegangen und ist jetzt in seinem System verankert – das macht sein Spiel so wunderbar authentisch.
Ich höre immer wieder von Dritten, zwischen uns passe kein Blatt.Siegwald Bütow
Wie lässt sich diese künstlerische Ambition von Roberto González-Monjas mit Ihrer langfristigen strategischen Planung verbinden?
SB: Wir haben ganz bewusst mit einzelnen Projekten begonnen, jedes für sich ist ein Mosaikstein. Ich versuche, für die Planung jene Mosaiksteine zu wählen, die über einen gewissen Zeitraum ein stimmiges Bild ergeben. Dazu gehören verschiedene Komponenten: das sind die Konzerte in Salzburg, das ist die Präsenz bei den Salzburger Festspielen und bei der Mozartwoche. Dazu kommen noch die Tourneekonzerte in unseren Schlüsselmärkten in Europa und Asien. Aus all dem entsteht ein Gesamtbild, das ein Image transportiert, aus dem idealerweise herausgelesen werden kann, dass das Mozarteumorchester das Mozartorchester unserer Zeit ist. Gleichzeitig ist es in Salzburg als Symphonieorchester der kulturelle Nahversorger.
Wie groß ist der Zeitraum, den Sie überblicken?
SB: Im Moment haben wir begonnen, 2029/30 ins Auge zu fassen. Wir müssen in solch langen Zeiträumen denken, denn es geht nicht nur darum, dieses Gesamtbild zu kreieren, sondern es soll auch in den Köpfen der Veranstalter ankommen: Sie müssen weltweit wissen, wenn „Mozarteumorchester“ auf den Plakaten steht, gibt es ein Publikum, das darauf reagiert. Für diesen Effekt braucht es eine gewisse Langfristigkeit.
Ein Projekt, das mir in der nächsten Saison sehr wichtig ist, ist „Das Jahr“ von Fanny Hensel.Siegwald Bütow
Was präsentieren Sie dem Publikum in der kommenden Saison?
SB: Wir erzählen natürlich einerseits unsere Mozartgeschichte mit Roberto weiter. Das heißt, es wird Projekte geben, in denen er Mozart dirigiert und Konzerte, bei denen Mozart im Zentrum steht. Das sind vor allem die Konzerte in der Stiftung Mozarteum. Und dann gibt es andererseits die großen symphonischen Programme, die noch einmal im Großen Festspielhaus stattfinden, bevor dort umgebaut wird.
Was ich liebe ist, dass wir die ganze Zeit in Kontakt sind. Siegwald hält mich immer auf dem Laufenden, nicht nur, was meine Projekte betrifft, sondern über den kompletten Orchesterbetrieb. Dadurch habe ich stets ein Gesamtbild und bekomme nicht nur „Updates“, wenn ich da bin.Roberto González-Monjas
Worauf freuen Sie sich persönlich besonders?
RGM: Die Dritte Symphonie von Mahler ist natürlich ein Traum für jeden Dirigenten, sie ist so etwas wie ein eigenes Universum in sich selbst, eine sehr pastorale Symphonie. Mit viel Natur, den großen Fragen an die Welt und dem Chor – das ist einfach ein großes Glück. Und wir haben eine Zusammenarbeit mit der wunderbaren Lisa Batiashvili, die Magnus Lindbergs Violinkonzert aufführen wird, darauf freue ich mich sehr!
Und Sie, Herr Bütow?
SB: Ein Projekt, das mir in der nächsten Saison sehr wichtig ist, ist „Das Jahr“ von Fanny Hensel. Sie war die Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy und wollte auch Komponistin werden, durfte das aber aufgrund der gesellschaftlichen Konventionen nicht. Ihr Mann war Wilhelm Hensel, ein Maler, der sie sehr unterstützt hat. Er hatte ein Stipendium für Italien und dort in Rom konnten sie beide so leben und arbeiten, wie sie sich das vorgestellt hatten. Fanny Hensel hat nach ihrer Rückkehr nach Berlin einen Klavier-Zyklus geschrieben, in dem sie dieses Jahr in Italien reflektiert, jeder Monat als eine Miniatur – es sind ganz besondere Stücke. Damit man diese mit Orchester aufführen kann, haben wir den Dirigenten Detlev Glanert beauftragt, sie zu instrumentieren.
RGM: Es ist ganz wunderbare Musik! „Das Jahr“ ist so schön für Klavier geschrieben und ich finde es großartig, dass Detlev eine Orchestrierung dafür macht. Er ist ein begabter Komponist, und das ist eine schöne Möglichkeit, mehr Fokus auf eine wirklich vergessene Komponistin zu richten. Wir wollen eine Gegenüberstellung der Klavierversion und der Orchesterversion machen, damit die Leute erkennen: Ja, der Bruder war toll, die Schwester aber auch …
Gibt es etwas, das Sie während der vergangenen Jahre voneinander gelernt haben oder was Sie überrascht hat?
SB: Ich hatte noch mit keinem Chefdirigenten einen Partner, mit dem ich so eng zusammenarbeiten konnte. Ich höre immer wieder von Dritten, zwischen uns passe kein Blatt. Roberto und ich vertreten aber alle Dinge gemeinsam, wir sind uns einig. Gleichzeitig sieht das Orchester, welcher Aufbruch hier geschieht, und es spürt unseren Drang, das Beste für das Orchester zu bewirken. Während der letzten Jahre ist viel Vertrauen in die gemeinsame Arbeit gewachsen.
Wie sehen Sie das, Herr González-Monjas?
RGM: Ich finde, wir waren schon ab Tag eins ein sehr geölter Mechanismus. Was ich liebe ist, dass wir die ganze Zeit in Kontakt sind. Siegwald hält mich immer auf dem Laufenden, nicht nur, was meine Projekte betrifft, sondern über den kompletten Orchesterbetrieb. Dadurch habe ich stets ein Gesamtbild und bekomme nicht nur „Updates“, wenn ich da bin. Dass er sich dafür Zeit nimmt und das mit mir als Partner umsetzen will, finde ich großartig. Damit gibt es keine Überraschungen, ich kann immer direkt reagieren und alles funktioniert. Ich bewundere, wie diszipliniert Siegwald ist. Was er verspricht, kommt auch. Er übernimmt Verantwortung für das Orchester und hält uns damit den Rücken frei.
Was motiviert Sie, nach zwei intensiven Jahren gemeinsam diesen Weg fortzusetzen?
SB: Oh, ich sehe, was noch alles möglich ist und wo wir hinkommen können, wenn wir diesen Weg systematisch weitergehen. Ich glaube, das Mozarteumorchester hat aufgrund seiner Geschichte und seines Potenzials wirklich die Möglichkeit, sich als eines der großen Orchester zu behaupten – sozusagen auf Champions-League-Niveau.
RGM: Ich finde, wir verstehen beide, dass wir hier etwas sehr Besonderes haben, dass diese Konstellation richtig gut funktioniert und dass wir viele Chancen für die Zukunft haben. Mich persönlich motiviert jedes Konzert, jede Probe und jede Planungssitzung weiterzumachen. Die Zauberflöte zum Beispiel war so ein toller Prozess. Es war wunderbar zu erleben, dass das Mozarteumorchester ein Stück, das jeder kennt, neu präsentieren kann. Viele Zuhörer:innen haben mir danach gesagt, sie hätten noch nie eine so schöne, transparente und persönliche Zauberflöte gehört. Das ist für mich die beste Motivation, um weiterzumachen …