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Die zarte Wucht im Hintergrund

Viel mehr als Pauken und Becken …

von Micky Kaltenstein

 

Drei Herren sorgen als Schlagwerker im Mozarteumorchester für das rhythmische Fundament und die dynamische Intensität. Von langen Zählpausen bis zum Einsatz, der umsichtigen Dosierung von Schlagkraft und privaten Ausflügen in andere Musikwelten …

Wenn das Publikum im Konzertsaal die Luft anhält, haben die Schlagwerker ganze Arbeit geleistet. Sie liefern die Energielinie des Orchesters, verstärken Harmonien, betonen Dramatik. Dank ihrer Klangmagie wird jedem im Raum klar: Jetzt wird es spannend, gleich passiert etwas! Das nötige Arsenal für diesen Zauber kann sich sehen lassen: Pauken und Becken, kleine und große Trommeln, Xylophone, Marimbas, Tamburine, Triangeln, Gongs, Glocken oder Tamtams – gespielt wird auf beinahe allem, was Geräusche macht, je nachdem, was vom jeweiligen Komponisten oder der Komponistin vorgesehen wurde. Vorgekommen sind in Partituren auch schon Bremstrommeln oder Abdeckgitter. 

 

Schlagwerker sind wohl die flexibelsten Mitglieder im Orchesterensemble – ihnen reicht ein Stock und ein Stuhl, um ihre Kunst zu entfalten. Genau so hat einst die Musikkarriere von Christian Löffler begonnen: „Als ich in die Schule gekommen bin, sollte ich ein Instrument lernen, wollte aber nicht“, erzählt der Berchtesgadener, „also hab‘ ich mir gedacht, wenn ich Schlagzeug sage, erlauben mir das meine Eltern sowieso nicht. Sie waren aber einverstanden und obwohl ich im ersten Jahr nur mit den Schlägeln auf einen Stuhl gehauen habe, hat‘s mir schnell Spaß gemacht und ich bin dabeigeblieben.“ Schon als Kind hat der Musiker gerne die beschwingten Kurkonzerte in Bad Reichenhall gehört und pflegt bis heute eine Vorliebe für die – seiner Meinung nach völlig unterschätzte – Operette.

 

Michael Mitterlehner-Romm hatte einst mit Blockflöte begonnen, „aber die war mir zu feinmotorisch“, schmunzelt der Oberösterreicher. „Ich bin am Dorfplatz aufgewachsen, zwischen zwei Wirtshäusern und mit der Kirche gegenüber. Die Blasmusik hat bei uns im Ort regelmäßig aufgespielt, und ich wollte unbedingt einmal der ganz hinten mit der Trommel sein, während meine Brüder Klarinette und Trompete gelernt haben.“ 

 

Andreas Steiner hat bereits als Fünfjähriger mit dem Geigenspiel begonnen, wie seine ältere Schwester auch. Doch ihre drei Jahre Vorsprung haben den gebürtigen Welser zunehmend frustriert und so hörte er mit nur acht Jahren wieder auf. „Bei mir war es ähnlich wie bei Michael: Kirche, Kriegerdenkmal und Blasmusik – das war einfach cool! Wir waren daheim sieben Kinder, drei davon sind Berufsmusiker geworden.“

Ich bin am Dorfplatz aufgewachsen, zwischen zwei Wirtshäusern und mit der Kirche gegenüber. Die Blasmusik hat bei uns im Ort regelmäßig aufgespielt, und ich wollte unbedingt einmal der ganz hinten mit der Trommel sein, während meine Brüder Klarinette und Trompete gelernt haben.
Andreas Steiner, Schlagzeuger/Stellvertretender Pauker

Klingende Vielfalt

Die Auswahl an Instrumenten ist riesig im hauseigenen Depot des Mozarteumorchesters. Neben den unzähligen Schlaginstrumenten warten die passenden Schlägel, Ablagen und Ständer auf ihren Einsatz. Es scheint unmöglich, so viele Instrumente virtuos zu beherrschen – wie machen das die rhythmischen Tausendsassas? „Zu unserer Zeit war die Ausbildung noch breiter gefächert als heute“, erklärt Michael Mitterlehner-Romm. Später, als die Anforderungen gestiegen sind, fanden auch die ersten Spezialisierungen statt, anders könne man international gar nicht mehr mithalten. 

 

Trotz seiner umfangreichen Ausbildung hat sich der Profimusiker einige Handperkussions-Instrumente aus der afrikanischen und der lateinamerikanischen Musikkultur selbst beigebracht: Congas, Bongos oder die Djembe zählen nicht zu den klassischen Schlaginstrumenten. „Im Studium hatte ich manchmal Frust, wenn ich nach acht Stunden im Übekammerl eigentlich nur zwei Stunden geübt habe, weil ich zwei Stunden lang kleine Trommel, zwei Stunden lang Pauke, zwei Stunden Schlagzeug und zwei Stunden Marimba gespielt habe – vier Instrumente, die jeweils völlig unterschiedliche Spieltechniken verlangen. Ein Geiger hat es hier leichter“, erzählt der Musiker. Die Klangvielfalt eines Schlagwerks fordert ihren zeitlichen Tribut.

Schlagwerker-Typologie?

„Es gibt grundsätzlich die Trommler-Typen und die Mallets-Typen“, analysiert Andreas Steiner. Mallets bezeichnet in der internationalen Musikwelt die sogenannten Stabspiele, jene melodischen Schlaginstrumente mit gestimmten Platten aus Holz oder Metall, die mit Schlägeln gespielt werden – von Xylophon über Marimba und Vibraphon bis zu den Glockenspielen. „Als Schlagwerker braucht man beide Welten, aber es kristallisiert sich bei fast jedem heraus, wo man mehr ‚zuhause‘ ist.“ Die Frage nach der künstlerischen Heimat von Andreas Steiner erübrigt sich – er betreibt eine eigene Schlägel-Manufaktur namens ‚Steiner superiormallets‘ und hat weltweite Anfragen nach seinem Profi-Equipment. 

 

Sein Kollege Michael Mitterlehner-Romm führt eine weitere Kategorie ein: „Ich bin mehr der Typ für experimentelle Klänge, wie sie in der zeitgenössischen Musik vorkommen.“ Dem vielseitigen Musiker haben es besonders jene Instrumente angetan, die er erst selbst bauen muss – darunter finden sich recht eigenwillige Kreationen. „Was für mich zählt, ist der Klang, ob der von einem Stabspiel, einer Trommel oder einem Schneebesen kommt, ist nachrangig.“ Der ewige Klangsucher taucht gerne Gegenstände in Wasser und nimmt die so entstehenden Modulationen auf: „Was dabei herauskommt, klingt einfach wunderschön!“

Ich spiele einfach alles gerne!
Christian Löffler, Solopauker

Sonderstellung Pauke

Christian Löffler hingegen sieht sich schlichtweg “eher als Pauker“, da er im Mozarteumorchester fast ausschließlich Pauke spielt. Doch auch die übrigen Instrumente des Schlagwerks – ob Stabspiele oder Trommeln – bedient der Musiker je nach Anforderung: „Ich spiele einfach alles gerne!“ 

 

Im klassischen Orchester nimmt die Pauke eine Art Sonderstellung ein. Das bauchige Instrument mit dem metallischen Schimmer gehört zu den „gestimmten“ Schlaginstrumenten – sie haben definierte Tonhöhen und diese können verändert werden. Im Gegensatz dazu sind die „ungestimmten“ Schlaginstrumente wie Trommel, Becken oder auch Triangel auf ihre jeweilige Tonhöhe festgelegt. 

 

Pauker sind Solisten in der Perkussionsgruppe und verstärken traditionell mit ihren Bassinstrumenten die Trompeten. Da meist mindestens zwei Pauken in verschiedenen Stimmungen auf den Konzertbühnen zum Einsatz kommen, können sogar kleine Melodien gepaukt werden. Seit Erfindung der Pedalpauke gelingt der Wechsel der Tonhöhe per Fuß und die Hände bleiben frei für die „Wirbel“. Der Einsatz verschiedener Schlägel aus Holz, Kork, Metall oder Bambus mit Umhüllungen aus Filz oder Flanell, flauschig oder straff, liefert jeweils unterschiedliche Klangwelten. 

 

„In Deutschland ist die Trennung zwischen Pauken und Schlagzeug viel strikter als hier“, erklärt Christian Löffler, der zwölf Jahre lang als Solist im Konzerthausorchester Berlin gespielt hat, „natürlich lernt man alle Schlaginstrumente, aber die Pauke ist ein eigenes Instrument. Bei uns kommt es vor, dass ein Schlagzeuger die Pauke – und ein Pauker ein anderes Schlaginstrument spielt, in Berlin gibt es das nicht.“ 

 

Im Mozarteumorchester wird jeweils jene Pauke verwendet, die zur Entstehungsgeschichte des aufgeführten Werks passt: Je nach Kompositionszeitraum erklingen Barock- bzw. Schraubenpauken, Kurbel- oder Pedalpauken im Konzertsaal – mit wechselnden Anforderungen für die Musiker aufgrund der unterschiedlichen Spielweisen. Unter den Schlagwerkern haben die Pauker das größte Arbeitspensum zu leisten, da ihr Instrument in fast jeder Partitur vorkommt. 

Konzentriert warten und zählen

Wie geht es Schlagwerkern, wenn sie lange auf ihren Einsatz warten müssen? „Dieser Fall betrifft eher das Schlagzeug, weniger die Pauke“, erklärt Andreas Steiner und betont die Notwendigkeit der absoluten Konzentration: „Zum Beispiel in der Siebten Symphonie von Bruckner kommt dieser berühmte eine Schlag vor, den man zu spielen hat und für den es nur diese eine Chance gibt. Da sollte man schon gut wach sein.“ Michael Mitterlehner-Romm hat inzwischen eine eigene Technik des Mitzählens entwickelt: Ihm gelingt es, gleichzeitig an etwas anderes zu denken und dennoch genau zu wissen, wo in der Partitur die Kolleg:innen bereits angelangt sind. 

 

Christian Löfflers Zugang hat mit seiner privaten Leidenschaft zu tun: „Ich dirigiere hobbymäßig und versuche mich mit der Partitur so vorzubereiten und aktiv dabei zu bleiben, als würde ich selbst dirigieren“, erzählt der Kapellmeister des Eisenbahner-Musikvereins Salzburg und der Trachtenmusikkapelle St. Martin bei Lofer. Neben seiner Tätigkeit als Solopauker am Mozarteumorchester hat der Musiker nämlich auch noch Blasorchesterleitung an der Universität Mozarteum studiert. 

Zum Beispiel in der Siebten Symphonie von Bruckner kommt dieser berühmte eine Schlag vor, den man zu spielen hat und für den es nur diese eine Chance gibt. Da sollte man schon gut wach sein.
Michael Mitterlehner-Romm

Private Musikwelten

Die Ausflüge in private Musikwelten könnten nicht unterschiedlicher sein bei unseren drei Schlagwerkern: Christian Löffler schwärmt für Operette und echte Volksmusik, außerdem machen ihm besonders Schostakowitsch-Symphonien Spaß: „Da gibt es viele Einsätze für uns und diese Musik ist so komponiert, dass einfach Spielfreude aufkommt!“ Michael Mitterlehner-Romm war kürzlich im Salzburger Rockhouse mit ‚Kommando Blaubart‘ zu hören und ist langjähriges Mitglied des œnm, dem österreichischen Ensemble für Neue Musik. „Und ich oute mich jetzt als Musical-Fan, da ist meistens viel Schlagzeug dabei, das ist schön rhythmisch und von der Musikgattung her eine Schnittmenge aus Populärmusik und Klassik.“ 

 

Andreas Steiner hingegen „spielt sehr gerne Walzer“ und hat vor über 20 Jahren die Salzburger Orchester Solisten (SAOS) gegründet. Er sitzt regelmäßig am Schlagzeug des Ballhausorchesters Wien, das seine Schwester Judith Steiner leitet: „Das mache ich sehr gern, weil mir die Musik einfach gefällt.“

Ein sensibler Balanceakt

„Wir sind die Feindbilder im Orchester“, bedauert Christian Löffler. Vielen Kolleg:innen seien die Schlagwerker schlichtweg zu laut. Dabei wird von den Musikern erwartet, den gewünschten Klang bis in die letzte Zuschauerreihe zu transportieren.

 

Die Balance zwischen dem Schutz der nebensitzenden Kolleg:innen und der klanglichen Intensität, die den Konzertraum füllen soll, ist eine schwierige Gratwanderung. „Da muss man sich schon an der eigenen Nase nehmen, damit man ein Instrument nicht überspielt, sonst tut's weh“, befindet Andreas Steiner, „wenn ein Becken zum Beispiel schlecht getroffen oder einfach nicht schön gespielt wird, ist das wirklich Gewalt. Bei der Siebten von Bruckner, da muss man schon hinauspfeffern, dass beinah der Luster runterfällt, aber eben schön und mit Qualität gespielt.“ Manche Orchesterkolleg:innen stecken sich einen Gehörschutz in die Ohren, damit sie solch laute Stellen gut überstehen – und andere bestellen Schutzwände bei den Orchesterwarten.

 

„Ich achte darauf, möglichst genügend Abstand zu den Kolleginnen und Kollegen zu haben“, erklärt Michael Mitterlehner-Romm, „wenn das räumlich nicht möglich ist, biete ich proaktiv an, eine Wand hinzustellen. Ich fühle mich selbst nicht wohl, wenn ich anderen direkt in die Ohren spiele.“

Herausforderung Orchestergraben

Die Möglichkeit, viel Abstand zu halten, fällt in engen Orchestergräben naturgemäß weg. Hier ist umso mehr Fingerspitzengefühl von Seiten der Schlagwerker gefragt. Trotzdem fühlen sich die Herren hinter den Becken, Pauken, Congas und Co manchmal angefeindet, weil sie für die nahesitzenden Kolleg:innen „zu viel“ sind. 

Ingenieure der Dramatik

Schlagwerker sind die Statiker des Orchesters: Sie liefern Spannungsbögen, tragende Verläufe und intensive Dynamik. Sie kuratieren jene filigranen Töne, die wie auf Zehenspitzen daherkommen. Gestalten Klänge, die so federleicht wie Luft sein können und solche, die wie Hammerschläge wirken. 

 

Was entsteht, ist eine feine Melange aus Bässen und flirrenden Akzenten. Eine Wucht, die auch sanft sein kann. Eine Kraft, die nicht immer laut sein muss. Die wahren Meister der Rhythmik sind zur Zartheit fähig und wissen um die ideale Dosierung ihres Instrumentariums.