Ein lange überhörtes Kapitel Musikgeschichte wird endlich der interessierten Zuhörerschaft vorgestellt: Fanny Hensel
In Kooperation mit der Universität Mozarteum rückt das Mozarteumorchester Salzburg diese außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeit ins Zentrumvon Micky Kaltenstein
Das Mozarteumorchester öffnet in diesem Projekt den Blick auf eine ungleiche Geschwisterkonstellation: Wo für den Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy der Weg als Komponist selbstverständlich war, blieb dieser der Schwester aus gesellschaftlichen Gründen verwehrt.
Der Klavierzyklus „Das Jahr“ (1841) ist Fanny Hensels klingendes Tagebuch und präsentiert in zwölf Charakterstücken – je einem Monat gewidmet – die Eindrücke aus ihrer Zeit in Italien. In der Musik voller poetischer Miniaturen und atmosphärischer Kontraste klingen die Erfahrungen und Erlebnisse nach. Bemerkenswert ist auch die ursprüngliche Gestalt des Werks: Fanny Hensel hat die Stücke auf farbigem Papier geschrieben, ihr Ehemann – der Maler Wilhelm Hensel – ergänzte sie mit Zeichnungen und literarischen Zitaten u. a. von Johann Wolfgang von Goethe. Musik, Bild und Wort verbinden sich zu einem Gesamtkunstwerk, das lange im Schatten der Musikgeschichte geblieben ist.
Ich fand es wirklich schade, dass es von Fanny Hensel kein Repertoire gibt, das man mit Orchester aufführen kann.Siegwald Bütow
Erst in den letzten Jahrzehnten wurde Fanny Hensel als eigenständige Stimme der Romantik wahrgenommen – genau hier setzt das Salzburger Kooperations-Projekt an: Es macht Fanny Hensels Musik nicht nur hörbar, sondern stellt sie bewusst in Beziehung zum Werk ihres Bruders. Zwei künstlerische Wege unter völlig ungleichen Voraussetzungen.
Späte Ehre für die Komponistin
„Ich fand es wirklich schade, dass es von Fanny Hensel kein Repertoire gibt, das man mit Orchester aufführen kann“, berichtet der Orchesterdirektor Siegwald Bütow und beauftragte daher den Dirigenten und Komponisten Detlev Glanert damit, „das Jahr“ zu instrumentieren. Im Rahmen eines Donnerstagskonzerts des Mozarteumorchesters wird die orchestrale Fassung zusammen mit dem Ersten Klavierkonzert von Felix Mendelssohn Bartoldy im Großen Saal der Stiftung Mozarteum aufgeführt – und gleichzeitig aufgenommen. „Schließlich ist die Idee entstanden, dieses Fanny-Hensel-Projekt noch plastischer zu machen, indem wir ihren ursprünglichen Klavierzyklus parallel zum Orchesterwerk präsentieren sowie mehrere Kammermusik-Abende mit Kompositionen der Geschwister vorstellen“, erklärt Siegwald Bütow.
Im Rahmen einer fünftägigen Reihe von Veranstaltungen werden im Oktober 2026 Studierende der Universität Mozarteum gemeinsam mit Teilnehmer:innen der Orchester-Akademie das Werk Fanny Hensels gebührend feiern. Den Auftakt bildet die Aufführung des Klavierzyklus’ „Das Jahr“, ergänzt wird der Konzertabend durch einen Vortrag der Musikwissenschaftlerin und Autorin Beatrix Borchard, die sich intensiv mit den Lebenswegen der Geschwister beschäftigt hat. Es folgen Liederabende, Kammermusikprogramme und Lesungen aus dem Briefwechsel – Formate, die das Spannungsfeld zwischen privatem Ausdruck und öffentlicher Wahrnehmung der Komponistin in vielen Facetten erlebbar machen.
Das ambitionierte Kooperationsprojekt lädt dazu ein, Fanny Hensel neu zu entdecken: nicht als Randfigur der Musikgeschichte, sondern als eigenständige, kraftvolle Stimme. Und es zeigt, wie lebendig und relevant diese Musik heute klingen kann – wenn man ihr den Raum gibt, den sie verdient.