von Micky Kaltenstein
Sie organisiert, was das Publikum als Selbstverständlichkeit erlebt: gelungene Auftritte des Mozarteumorchesters. Clarissa Weger sorgt als Orchesterdisponentin dafür, dass jedes Projekt mit genügend Musiker:innen besetzt ist und von allen Beteiligten ausreichend geprobt wird. Von ruhigem Überblick, einer großen Portion Empathie und der Freude an Musik als Hobby …
„Ich habe viele Bälle gleichzeitig in der Luft“, schmunzelt Clarissa Weger und berichtet von Dienstplänen, individuellen Wünschen und Budgetgrenzen. Auf zwei Bildschirmen jongliert die Disponentin mit Terminen und Besetzungen. Arbeitszeiten dürfen nicht überschritten und Ruhezeiten wollen eingehalten werden. Sie behält den Überblick und bemüht sich, Gerechtigkeit unter den Musiker:innen zu wahren.
Die Währungseinheit für ihre Kalkulation heißt „Dienst“, damit kann eine Probe, eine Aufführung oder auch eine Aufnahmesitzung gemeint sein. Der Kollektivvertrag regelt das maximale Ausmaß an erlaubten „Diensten“ für das Orchester – alles, was darüber hinaus geht, muss finanziell abgegolten werden, und das Budget soll nicht unnötig strapaziert werden.
Genaugenommen ist Clarissa Weger eine Möglichmacherin. Ihre Arbeit sorgt dafür, dass die Musik verlässlich verzaubert – auch wenn das Mozarteumorchester in wechselnden Besetzungen auftritt. Die Logistik dahinter ist eine strategische Herausforderung, schließlich stecken im Orchester eigentlich zwei: Während manche der Musiker:innen auf Tournee sind, spielen andere verlässlich die Donnerstagskonzerte in der Stiftung Mozarteum oder die „Heimspiele“ im Orchesterhaus.
„Außerdem haben wir die zahlreichen Opernproduktionen, Musicals oder Operetten am Salzburger Landestheater, bei denen kommt das gesamte Orchester vor. Die jeweiligen Einsätze werden unter allen Musikerinnen und Musikern einer Instrumentengruppe aufgeteilt. Dabei achte ich darauf, dass jede und jeder genügend Proben hatte, um gut durch das entsprechende Stück zu kommen“, erklärt Clarissa Weger ihre Planungsarbeit. Und wäre diese Jonglage für die rund 90 Orchestermitglieder nicht schon komplex genug, kommt als herausforderndste Variable noch das Unvorhergesehene dazu: Krankheitsfälle, Pflegenotwendigkeiten oder andere Überraschungen des Lebens …
Drei Zeitzonen gleichzeitig
Die Jongleurin der umsichtigen Planung überblickt drei Zeitzonen gleichzeitig: die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Während es bei der Erstellung der zukünftigen Dienstpläne für die Orchestermitglieder darum geht, die kommenden Wochen optimal zu organisieren und gleichzeitig genügend Freizeit einzuplanen, kommen noch Wünsche in Form von Urlaubsanfragen oder der deponierten Vorliebe für ein bestimmtes Musikprojekt hinzu.
Die Vorarbeit für diese Logistik leisten die sogenannten „Einteiler“ – sie sind so etwas wie die Klassensprecher der einzelnen Instrumentengruppen. Anhand dieser Entwürfe erstellt Clarissa Weger die endgültigen Pläne und kontrolliert dabei nochmals bereits bewilligte Urlaube, persönliche Vorlieben sowie kollektivvertragliche Dienstzeitgrenzen. Dass sie dabei manchmal an ihre Grenzen kommt, bleibt den musizierenden Kolleg:innen verborgen. „Ein schöner Lohn ist die wiederholte Rückmeldung, dass ich sehr bemüht bin, möglichst alle Wünsche zu erfüllen, und nicht einfach Dienst nach Vorschrift mache. Dabei müssen auch noch zusätzliche Faktoren berücksichtigt werden, von denen die Kolleginnen und Kollegen gar nichts merken“, berichtet die Disponentin. Was für Clarissa Weger zählt, ist das Gelingen.
Ihr Blick in die Vergangenheit gilt der Ausgewogenheit: Anhand der Statistik überprüft die Disponentin regelmäßig, ob die Auslastung aller Orchestermitglieder innerhalb einer Instrumentengruppe einigermaßen gerecht war – Fairness gehört dazu und ist wichtig für das Betriebsklima. Der aufregendste Teil bei der Planungsarbeit gilt jedoch der Gegenwart: dem Jonglieren des Unerwarteten. Wer springt kurzfristig ein, wenn ein Zug ausfällt oder ein Orchestermitglied erkrankt?
Freundlichkeit und Flexibilität
Die Frau mit dem Überblick wird für ihre Freundlichkeit und Umsicht geschätzt. Sie macht mehr möglich, als in ihrer Stellenbeschreibung gefordert ist und findet auch in schwierigen Situationen passende Worte und hilfreiche Lösungen. Sei es Ersatz für eine zweite Geige oder das Solohorn – solche Notwendigkeiten, mit denen niemand rechnen will, halten sich weder an Bürozeiten noch an Planungsfristen. „Das kann manchmal kurzfristig stressig sein“, erzählt die Disponentin, „aber in all den Jahren habe ich gelernt, dass es immer eine Lösung gibt.“ Erfahrung schenkt Sicherheit.
Clarissa Wegers Werkzeuge sind Empathie, Präzision, Ruhe und ein bemerkenswertes Gedächtnis für Namen, Besonderheiten und Persönlichkeiten. Im Fall der Fälle wird die Substituten-Liste durchtelefoniert. „In unserer Datenbank haben wir über die Jahre viele Kontakte gesammelt und entsprechend sortiert. Brauchen wir für einen Musiker oder eine Musikerin Ersatz, heißt es flexibel reagieren, suchen und umplanen. Fest steht: das Konzert wird stattfinden – trotz aller Hürden, die das Leben manchmal bereithält.
Menschen und Musiker:innen
Es menschelt spürbar im Orchester. Wer so viel Zeit zusammen verbringt, kennt einander und kümmert sich umeinander, wie in einer großen Familie. Clarissa Weger macht auch Regeneration möglich. Im Fall einer unter belastenden Gehörproblemen leidenden Musikerin sorgte die Disponentin mit ruhiger Klarheit dafür, dass sich die Patientin ohne schlechtes Gewissen gegenüber der Kollegenschaft die Zeit zum Genesen nehmen konnte.
„Ich habe versucht, ihr zu vermitteln, dass wir die Sache im Griff haben und es Lösungen für die Situation gibt. Das Schöne war, dass mir diese Kollegin nachher gesagt hat, dass ich ihr damit viel Druck genommen und ihr die Gelegenheit gegeben habe, in Ruhe gesund zu werden.“
Es wird nie langweilig, weil es immer wieder etwas Neues gibt.Clarissa Weger
Vom Praktikum zur Disposition
Während ihres Studiums der Kulturwirtschaft an der Universität Passau hat Clarissa Weger ein Praktikum im Mozarteumorchester gemacht. Dabei lernte sie alle Stellen im Management kennen, auch die Disposition. Nach drei Monaten hatte es Clarissa im Orchesterhaus so gut gefallen, dass sie nochmals verlängerte. „In dieser Zeit habe ich mich in Salzburg verliebt und auch in das Orchester“, schmunzelt die Niederbayerin.
Als der einstige Disponent sich beruflich verändern möchte und das Orchester dringend jemanden braucht, der den planerischen Überblick behält, holt die damalige Direktorin Clarissa Weger zurück nach Salzburg. Während Clarissa noch zweifelt, traut die Direktorin ihrer ehemaligen Praktikantin den Aufgabenbereich zu – und sollte Recht behalten: Seit 2013 organisiert Clarissa Weger nun souverän die Dienstpläne, Datenbanken und Statistiken: „Es wird nie langweilig, weil es immer wieder etwas Neues gibt.“
Die Oma und die Orgel
Jemand, der beruflich mit Musik zu tun hat und trotzdem privat noch Orgel und Klavier spielt, früher auch Oboe, zusätzlich im Chor singt und es trotzdem genießt, im Konzert zu sitzen, muss sie wirklich lieben, die Musik. „Schuld daran ist die Oma“, lacht Clarissa Weger. Sie hatte einst dafür gesorgt, dass die Enkelin das Klavierspielen bei einer Organistin lernt, ohne lange zu fragen. Damals war das nicht immer leicht, heute ist die Orchesterdisponentin froh, dass ihre Großmutter so beharrlich war. Bei Messen oder kleinen Kirchenkonzerten genießt es Clarissa, mit ihrem Orgelspiel den Menschen Freude zu machen. Dort, im kleinen Ort in der Nähe von Landshut.
Bis heute singt Clarissa Weger im Kirchenchor und plant, sich wieder mehr der Oboe zu widmen. Während es das Klavier eher verzeiht, wenn man eine Zeitlang nicht gespielt hat, lässt einen die Oboe die Pause deutlich spüren. Schuld daran sind die zarten Muskeln rund um den Mund – werden sie nicht regelmäßig trainiert, leidet der Klang. „Das kann schon frustrierend sein und auch ziemlich schmerzhaft“, berichtet Clarissa Weger.
Kraftquelle Musik
„In Salzburg gibt es so vieles zu entdecken und zu genießen“, schwärmt die Niederbayerin und erzählt, dass die Kombination aus einem See mit Bergpanorama sie wirklich glücklich mache. Eine zusätzliche Belohnung für ihre fordernde Arbeit sind Konzerte: „Die genieße ich umso mehr, je komplizierter und stressiger es zuvor war.“
Manchmal, wenn Clarissa unter 2.000 Menschen im Konzertsaal sitzt und die Gedanken auf Wanderschaft gehen, freut sie sich, dass sie wahrscheinlich als einzige Person im Publikum alle Musikerinnen und Musiker beim Namen kennt, über private Details wie Wohnorte und Haustiere Bescheid weiß und oft sogar das Geburtsdatum im Kopf hat.
Tauschen möchte sie aber trotzdem nicht mit ihren Kolleg:innen auf der Bühne oder im Orchestergraben: „Es scheint manchmal verlockend zu sein, aber dann mache ich mir bewusst, wie viel es für den Einzelnen erfordert hat, in dieser Position zu landen – die Ausbildung zu machen, sich im Probespiel durchzusetzen, das Probejahr zu bestehen und diese Leistung auf den Punkt zu bringen, immer wieder. Das ist nicht nur mental fordernd, sondern über die vielen Jahre auch eine körperliche Belastung. Da behalte ich mir die Musik lieber als Hobby und schöne Belohnung nach getaner Dispositionsarbeit.“